Arbeitsprinzipien

Anonymität und Vertraulichkeit
Jede Frau, jedes Mädchen kann sich darauf verlassen, dass ohne ihr Einverständnis keine ihre Person bzw. die Beratungsgespräche betreffenden Informationen an Dritte weitergegeben werden. Dies ist zur Schaffung einer gemeinsamen Vertrauensbasis äußerst wichtig.

Parteilichkeit und Solidarität
Parteilichkeit und Solidarität bedeuten, eine klare Haltung gegen jede Form von Gewalt, Diskriminierung und Rassismus einzunehmen. Parteilichkeit drückt sich auch darin aus, gegen gesellschaftliche Rechtfertigungsmuster und Bagatellisierung von sexueller Gewalt Stellung zu beziehen und klarzustellen, dass die Verantwortung für sexuelle Gewalttaten der Täter trägt. Im Zentrum frauenspezifischer Beratung stehen die berechtigten Ansprüche der Opfer nach Bewältigung, Verarbeitung und Wiedergutmachung. Die Betroffenen und ihre Erfahrungen werden ernst genommen und respektiert: Da sich die Bedeutsamkeit der erfahrenen Gewalt aus individuellen Bewertungsprozessen ergibt, ist für die Bewältigung und damit auch für die Beratungsarbeit die subjektive Perspektive der Betroffenen ausschlaggebend.

Gemeinsame Betroffenheit
Der Fokus auf die gemeinsame Betroffenheit meint die aktive, kontinuierliche Reflexion der eigenen Gewalterfahrungen bzw. anderen Traumen, der eigenen Sexualität sowie der eigenen lebensgeschichtlichen Strategien im Umgang mit der potentiellen Bedrohung von sexueller Gewalt. Diese Reflexion ermöglicht einen professionellen Umgang mit traumatischen Übertragungen und Gegenübertragungen.

Ganzheitlichkeit
Das Konzept ganzheitlicher Beratung meint hier nicht nur die ganze Person, die gesamte Lebenssituation und das soziokulturelle Umfeld der Frauen und Mädchen mit einzubeziehen. Auch die Auseinandersetzung mit der weiblichen Sozialisation in einer patriarchalen Gesellschaft ist eine notwendige Voraussetzung für einen auf Verständnis und Empathie beruhenden Zugang zu den Reaktionen und Problemen der betroffenen Frauen.

Orientierung an den Stärken der Frauen
Die Beratung setzt bei den Stärken, Fähigkeiten, Ressourcen und Bedürfnissen der betroffen Frauen und Mädchen an.

Grundlagen unserer Arbeitsprinzipien
Der seit den Anfängen konzeptionell verankerte feministische, parteiliche und gesellschaftskritische Ansatz liegt in der ungleichen Verteilung sozialer, ökonomischer, rechtlicher und politischer Ressourcen zuungunsten von Frauen begründet. Als Ursache unterschiedlicher Formen von Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist die strukturelle Ungleichheit zwischen den Geschlechtern zu verstehen. Das Verständnis der Frauennotrufe von „frauenspezifischer Arbeit“ basiert somit auf einem gesellschaftspolitischen Problembewusstsein, welches sich mit den herrschenden Strukturen, weiblichen Biografien und der Bewältigung weiblicher Lebenslagen beschäftigt. Sexuelle Gewalt ist nicht nur ein individuelles Problem, sondern ist immer auch im gesellschaftlichen Kontext und unter dem Aspekt des hohen Ausmaßes betroffener Frauen und Mädchen zu betrachten.